Die 5 Gesundheitstrends im Überblick:
- Trend 1: Wir werden älter.
→ WHO: „Fitnessstudios als zukünftiger Teil des Gesundheitssystems“ - Trend 2: Wir nehmen zu.
→ WHO: „Umgebungen ändern, die Gewichtszunahme begünstigen“ - Trend 3: Wir bauen psychisch ab.
→ WHO: „Bewegung lindert Symptome, ersetzt aber keine strukturellen Lösungen“ - Trend 4: Wir sammeln immer mehr Daten.
→ WHO: „Es fehlt die Integration in medizinische Systeme“ - Trend 5: Wir setzen noch kaum auf Prävention.
→ WHO: „Europa könnte Milliarden einsparen“
Gesundheitstrend 1: Wir werden älter.
WHO: „Fitnessstudios als zukünftiger Teil des Gesundheitssystems“
Future of Sports Hub: Bis 2055 wird die Zahl der mindestens 85-Jährigen in Deutschland von heute etwa drei auf über fünf Millionen wachsen. Was bedeutet eine rapide alternde Bevölkerung für Akteure im Sport- und Bewegungssektor?
Hans Henri P. Kluge: Das ist eine große Chance. Alle, die im Sport- und Bewegungssektor arbeiten – von Stadtplanung und Kommunen über Fitnessstudios bis zu Vereinen – spielen eine Schlüsselrolle. Wir müssen körperliche Aktivität breiter denken als nur Wettbewerbssport. Nötig sind sichere Gehwege, Bewegungsangebote für ältere Menschen, Gruppenprogramme für Kraft, Gleichgewicht und Gemeinschaft. Aber: Kein Akteur kann das allein lösen. Verschiedene Sektoren müssen zusammenarbeiten, damit ältere Menschen sich bewegen können – im Pflegeheim, im Park oder im eigenen Wohnzimmer. Bewegung im Alter ist kein „Nice-to-have“, sondern unverzichtbar.
Welche Rolle könnten Fitnessstudios oder Sportvereine künftig dabei spielen?
Fitnessstudios sind längst mehr als Orte, um fit zu werden – sie werden zu wichtigen Gesundheitszentren. Wir sollten sie als Teil des Gesundheitssystems verstehen. Mit der richtigen Schulung können Trainer:innen frühe Anzeichen von Schwäche erkennen, Menschen mit chronischen Krankheiten unterstützen und gesunde Gewohnheiten fördern. Gemeinsam mit Ärzt:innen und Physiotherapeut:innen helfen sie auch bei der Genesung nach Krankheiten oder Verletzungen – direkt vor Ort in der Community. Ebenso wichtig: Fitnessstudios und Vereine schaffen soziale Bindungen – zentral im Kampf gegen Einsamkeit und Depression. Damit das funktioniert, braucht es:
- Zertifizierte Programme für Alter und chronische Krankheiten
- Gemeinsame Finanzierung durch Gesundheits- und Sportsektor
- Systeme, in denen Ärzt:innen Patient:innen ins Studio überweisen können
- Inklusive Räume, die auch Menschen mit Einschränkungen willkommen heißen
Kurz gesagt: Fitnessstudios sind keine Luxus-Extras – sie sind entscheidend für die öffentliche Gesundheit.
Eine Aufgabe für viele Player: „Lösungen erfordern Politik, starke Gesundheitssysteme und sektorübergreifende Zusammenarbeit – auch mit dem Sport“, sagt Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa.

Gesundheitstrend 2: Wir nehmen zu.
WHO: „Umgebungen ändern, die Gewichtszunahme begünstigen“
Wenn sich der Trend fortsetzt (1990: 194 Millionen; 2022: 878 Millionen), werden weltweit 2050 zwei von drei Menschen über 25 Jahren an Fettleibigkeit leiden. Könnte bessere Ernährungsbildung das Problem lösen?
Ernährungserziehung ist wichtig, aber nicht genug. Adipositas ist eine komplexe, chronische Krankheit – nicht bloß das Resultat persönlicher Entscheidungen. Wir müssen aufhören, Einzelne zu beschuldigen – und stattdessen die Umgebungen ändern, die Gewichtszunahme begünstigen: dauerhafte Verfügbarkeit ungesunder Lebensmittel, mangelnde Bewegungsmöglichkeiten oder Werbung, die schlechte Gewohnheiten fördert.
Lösungen erfordern Politik, starke Gesundheitssysteme und sektorübergreifende Zusammenarbeit – auch mit dem Sport. Deren Anbieter können aktive Lebensstile fördern oder Teil nationaler Pläne zur Adipositasprävention werden. Zum Beispiel: Kooperationen mit Schulen, Betrieben und Kliniken; Angebote wie Nachmittagsprogramme für Kinder oder Walking Football für Ältere.
Welche Rolle können Sport- und Fitnessanbieter bei der Bekämpfung der Adipositas-Epidemie spielen?
Gesundheitssysteme sind verantwortlich für die Behandlung, aber Sportvereine, Fitnessstudios und Bewegungsanbieter können flankieren – mit Prävention, Unterstützung bei Genesung und gesundheitsfördernden Angeboten in der Community. Ihre Arbeit muss an die Strategien des Gesundheitssystems angebunden sein.
Welche Strategien verfolgt die WHO hier?
Wir sehen Adipositas als chronisches Problem, das in allen Versorgungsstufen berücksichtigt werden muss – von Prävention bis Langzeitbetreuung. Deshalb bauen wir Adipositasversorgung systematisch in Kliniken und Krankenhäuser ein, mit Fokus auf frühe Unterstützung. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen:
- WHO-Leitfaden 2023 für bessere Versorgung nutzen
- Interdisziplinäre Teams (Ärzt:innen, Pflegefachkräfte, Diätassistent:innen, Therapeut:innen) fördern
- Gesündere Umgebungen schaffen (Werbebeschränkungen für Junkfood, klare Labels, Steuern für gesündere Entscheidungen)
- Programme für Kinder und Communities ausweiten
- Schulung von Gesundheitskräften und Abbau von Stigma
- Auch Bewegung in Schulen – durch aktive Pausen, zu Fuß oder per Rad – sowie bewegungsfreundliche Stadtplanung gehören dazu.
84 % der Deutschen sagen, Gesundheit sei das Wichtigste im Leben. Trotzdem bewegen sich viele zu wenig oder essen ungesund. Was braucht es, um Wissen in Verhalten umzuwandeln?
Verhalten hängt nicht nur vom Wissen ab, sondern auch von Kultur, Regeln, Systemen und Geschäftsinteressen. WHO untersucht, wie Verhalten und Kultur Gesundheit beeinflussen – um Programme besser anzupassen.
Wie können sich Gesellschaften Überflusskompetenzen aneignen?
Das braucht persönliches Engagement und gesellschaftliche Regeln. Einschränkungen beim Verkauf von Tabak und Alkohol sind Beispiele. Aufklärung über Werbung, Konsumkritik und digitale Kompetenz sind ebenso wichtig. Sinn, Gemeinschaft und Lebensqualität helfen, Konsumdruck zu reduzieren.
Gesundheitstrend 3: Wir bauen psychisch ab.
WHO: „Bewegung lindert Symptome, ersetzt aber keine strukturellen Lösungen“
In Deutschland stiegen Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen von 2013 bis 2023 um 41 %. Welches Potenzial sieht die WHO in Bewegung und Gruppensport für die psychische Gesundheit?
Bewegung und Gruppensport sind starke Werkzeuge für mentale Gesundheit. Aktivität ist eines der wirksamsten Mittel gegen chronische Krankheiten – auch psychische. Gruppenangebote schaffen zusätzlich soziale Bindung. Aber: Burnout hat viele Ursachen. Bewegung lindert Symptome, ersetzt aber keine strukturellen Lösungen wie faire Arbeitsbedingungen oder bessere Aufklärung.
Die WHO veröffentlichte kürzlich „100 Reasons to Cycle and Walk More“. Was fehlt, um Wissen in Handeln zu übersetzen?
Auch wenn die Evidenz eindeutig ist, bestehen Barrieren:
- Geringe Motivation, besonders bei psychischen Problemen
- Fehlende soziale Unterstützung
- Hausärzt:innen nutzen Bewegung oft zu wenig als Therapie
- Mangelnde Ausbildung von Fachkräften, um Bewegung zu fördern
- Finanzielle Hürden (z. B. fehlende Erstattungen)
Wichtig ist: Bewegung muss Teil des Alltags werden – durch Parks, sichere Wege, kostenlose Kurse. WHO verfolgt einen lebenslangen Ansatz: altersgerechte, leicht zugängliche Angebote von Kindheit bis Alter.

Gesundheitstrend 4: Wir sammeln immer mehr Daten.
WHO: „Es fehlt die Integration in medizinische Systeme“
Wearables liefern riesige Datenmengen. Wie können Sport- und Gesundheitsanbieter diese für Prävention und Longevity nutzen, ohne die Verantwortung allein bei den Individuen abzuladen?
Wearables können helfen, Aktivität zu steigern und Krankheiten vorzubeugen. Aber Schrittzahlen und Pulsdaten reichen nicht für ein ganzheitliches Bild. Das Problem ist die fehlende Integration in medizinische Systeme. Daten bleiben in Apps – ohne Nutzen für die öffentliche Gesundheit. KI könnte helfen, Muster zu erkennen. Entscheidend ist Vertrauen: Klare Regeln für Datenschutz und faire Nutzung sind nötig.
Kann die WHO selbst von diesen Daten profitieren?
Ja. Im Rahmen des „Regional Digital Health Action Plan“ (2023–2030) sollen Daten aus Wearables genutzt werden, um Krankheiten früher zu erkennen, Prävention zu stärken und bessere Entscheidungen für ganze Bevölkerungen zu ermöglichen.

Gesundheitstrend 5: Wir setzen noch kaum auf Prävention.
WHO: „Europa könnte Milliarden einsparen“
Deutschland gibt 12,6 % des BIP für Gesundheit aus (2022). Prävention spielt aber kaum eine Rolle. Wie könnte Bewegung helfen, Kosten zu senken und gesunde Lebensjahre zu verlängern?
Prävention spart Leben und Geld. Genügend Bewegung in Europa könnte jährlich 10.000 Leben retten und 8 Mrd. Euro einsparen. Bewegung im ärztlichen Alltag anzusprechen ist ebenso wichtig wie gesunde Ernährung und gute Rahmenbedingungen. Ziel: längeres, gesünderes Leben bei geringeren Kosten.
Zum Abschluss: Wo sieht die WHO Chancen für Kooperationen mit der Sportindustrie?
Die Sportwelt kann bei Prävention und Aufklärung helfen – muss aber auf Interessenkonflikte achten. Unhealthy-Food-Sponsoring bei Sportevents prägt Kinder und Jugendliche negativ. Besser: Sportverbände unterstützen Regeln gegen ungesunde Werbung und nutzen ihre Reichweite, um gesunde Lebensweisen zu fördern.
Die Learnings über Gesundheitstrends:
- Prävention spart Milliarden: Mehr Bewegung könnte in Europa jährlich 10.000 Leben retten und 8 Mrd. Euro Gesundheitskosten sparen.
- Fitnessstudios werden Gesundheitszentren: Prävention, Nachsorge und soziale Bindung rücken in den Vordergrund.
- Adipositas erfordert neue Allianzen: Sportanbieter sind Teil nationaler Strategien gegen Fettleibigkeit.
- Mentale Gesundheit braucht Strukturen: Bewegung hilft, ersetzt aber keine besseren Arbeitsbedingungen.
- Wearables brauchen Integration: Daten müssen ins Gesundheitssystem einfließen, nicht in Apps verharren.


